FLINTA+ & Ernährung: Warum ein sicherer Raum wichtig ist​

Menschen mit dem Rücken zur Kamera unter einer Regenbogenflagge

FLINTA+ & Ernährung: Warum ein sicherer Raum wichtig ist

Meine Lieben,

wenn ich von sicheren Räumen in der Ernährungsberatung spreche, meine ich nicht nur eine nette Atmosphäre oder einen warmen Kaffee. Ich meine etwas Grundsätzliches: Jede fünfte trans* Person erlebt Diskriminierung im Gesundheitswesen, und 18 Prozent der LGBTQI*-Community berichten von Diskriminierung bei der Nutzung von Gesundheits- oder sozialen Dienstleistungen. Diese Zahlen sind keine abstrakten Statistiken – sie spiegeln die gelebte Realität von Menschen wie euch und mir wider.

Wenn der Anamnese-Bogen schon zum Problem wird

Stellt euch vor, ihr geht zum ersten Mal zu einer Ernährungsberatung. Noch bevor ihr ein Wort sagen könnt, liegt ein Formular vor euch: „Anrede: Herr/Frau“, „Geschlecht: männlich/weiblich“. Punkt. Als ließe sich eure Identität in zwei kleine Kästchen pressen.

Viele Menschen berichten, dass Diskriminierung schon bei solchen Formularen beginnt – zum Beispiel in Praxen, die keine genderneutrale Sprache nutzen. Und das ist oft nur der Anfang einer Kette von Unsichtbarmachung, die sich durch das gesamte Gesundheitssystem zieht.

Die politische Dimension der Ignoranz

Es ist kein Zufall, dass FLINTA+ Personen – also Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, transgeschlechtliche und agender Personen – systematisch übersehen werden. In Medizin und Forschung galt lange der männliche Körper als Maßstab, Medikamente wurden überwiegend an Männern getestet. Dieses System ist kein Versehen – es spiegelt Machtverhältnisse wider, die Menschen wie uns als weniger wichtig, weniger real und weniger existenzberechtigt betrachten.

Inter* und trans* Personen erfahren Diskriminierung nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch beim Einkaufen, beim Abschluss von Verträgen unter ihrem Namen und Geschlecht sowie durch geschlechtsspezifische Hassgewalt. Wenn schon das Grundrecht auf Gesundheitsversorgung nicht selbstverständlich ist, wie sollen wir dann über etwas scheinbar „Luxuriöses“ wie bewusste Ernährung sprechen?

Wenn Ernährungsberatung retraumatisierend wirkt

Stellt euch vor, ihr kommt in eine Ernährungsberatung und die erste Frage lautet: „Sie wollen bestimmt abnehmen, oder?“ Oder: „Bei Ihrem Gewicht sollten Sie wirklich…“ Oder: „Haben Sie schon einmal über eine Diät nachgedacht?“ Als hinge euer Wert als Mensch an einer Zahl auf der Waage.

Hier wird nicht nur falsch beraten – hier werden aktiv Schäden angerichtet. Menschen werden in Diet-Culture-Denkweisen gedrängt, die Jahre brauchen, um wieder verlernt zu werden.

Forderungen von Aktivist*innen und queeren Gruppen

Feminist*innen und queere Aktivist*innen kämpfen seit Jahrzehnten für das Selbstverständliche: Alle Patient*innen haben das Recht auf eine optimale Behandlung, wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes betont.

Trans* Personen werden im Gesundheitswesen regelmäßig diskriminiert, und es wird nicht genug für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden getan, dokumentiert Transgender Europe. Die Forderungen sind klar:

  • Schulungen für Fachkräfte, damit sie verstehen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt

  • Diskriminierungsfreie Formulare und Ansprache

  • Rechtlicher Schutz vor Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung

  • Systematische Erfassung von Diskriminierungsfällen

Sichere Räume sind politische Räume

FLINTA*-Räume sollen Menschen ermöglichen, über ihre Marginalisierungserfahrungen zu sprechen, sich miteinander zu solidarisieren und keine Angst vor Diskriminierung durch cis Männer haben zu müssen.

Wenn ich sage, dass meine Ernährungsberatung ein sicherer Raum ist, ist das ein politisches Statement. Es bedeutet:

  • Eure Identität wird respektiert. Punkt. Keine Diskussion, keine „aber“-Sätze, keine Belehrungen über das, was „normal“ ist.

  • Eure Körper gehören euch. Nicht der Gesellschaft, nicht den Schönheitsidealen, nicht den Vorstellungen anderer darüber, wie ihr auszusehen habt.

  • Eure Erfahrungen sind gültig. Wenn ihr sagt, dass euch bestimmte Situationen triggern, dann werden sie soweit wie möglich vermieden. 

Intersektionale Ernährungsberatung

FLINTA* sind keine homogene Gruppe. Verschiedene Identitäten bringen unterschiedliche Lebensrealitäten und Diskriminierungserfahrungen mit sich. Eine trans Frau erlebt andere Herausforderungen als eine lesbische cis Frau. Eine nicht-binäre Person hat andere Bedürfnisse als eine intergeschlechtliche Person.

Für meine Arbeit heißt das: Ich höre zu, ich lerne, ich passe mich an. Ich treffe keine Annahmen über eure Leben, eure Körper oder eure Bedürfnisse.

Der Mut zur Unperfektion

Schwarze Feminist*innen haben schon früh auf die Grenzen eindimensionaler Identitätspolitik hingewiesen. Auch ich als weiße, nicht-binäre Person habe blinde Flecken. Ich lerne noch, ich mache Fehler – aber ich habe den Mut, es besser zu machen. Jeden Tag.

Vegane Ernährung als Akt der Selbstbestimmung

Für viele FLINTA+ Menschen ist eine pflanzliche Ernährung auch ein Weg der Befreiung – weg von den Zwängen anderer, hin zu einer Ernährungsweise, die den eigenen Werten entspricht.

Feministisch essen bedeutet, gegen Patriarchat und Klimakrise gleichzeitig vorzugehen. Essenspolitiken werden aus Geschlechter-, Sozial- und Nachhaltigkeitsperspektive neu verhandelt.

Es geht nicht um Perfektion, sondern um Authentizität. Es geht darum, dass ihr selbst bestimmt, was für euch richtig ist.

Was sich ändern muss

Medizinstudierende lernen trans*, inter* und nicht-binäre Patient*innen oft als „Abweichung von der Norm“ kennen, statt einen selbstverständlichen Umgang vermittelt zu bekommen.

Wir brauchen:

  • Systemische Veränderungen in der Ausbildung von Gesundheitsfachkräften

  • Rechtlichen Schutz vor Diskriminierung

  • Mehr FLINTA+ Menschen in Gesundheitsberufen

  • Forschung, die unsere Lebensrealitäten abbildet

Ein Ort zum Sein

Am Ende geht es um etwas Einfaches: das Recht zu existieren, gesehen und respektiert zu werden.

Eure Identität ist keine Phase. Eure Bedürfnisse sind nicht übertrieben. Euer Recht auf würdevolle Behandlung ist nicht verhandelbar.

Sichere Räume in der Ernährungsberatung sind keine nette Ergänzung – sie sind notwendig. Gesundheit ist ein Menschenrecht. Würde ist ein Menschenrecht. Ihr habt ein Recht darauf, so akzeptiert zu werden, wie ihr seid.

Wie sind eure Erfahrungen mit Diskriminierung im Gesundheitswesen? Habt ihr schon einmal einen wirklich sicheren Raum gefunden? Teilt eure Geschichten – sie sind wichtig und werden gehört.


Du suchst eine Ernährungsberatung, die dich als ganzen Menschen sieht und respektiert? Dann sprich gerne mit mir. 


 

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen