Meine Lieben,
heute möchte ich über ein Thema sprechen, das sehr komplex ist: Intuitive Ernährung. Vielleicht habt ihr schon mal gehört „Hör einfach auf deinen Körper“ oder „Dein Bauchgefühl weiß, was richtig ist“. Und vielleicht habt ihr dabei gedacht: „Aber was, wenn ich meinem Körper nicht vertrauen kann?“
Diese Gedanken sind völlig berechtigt. Wir leben in einer Gesellschaft, die uns von klein auf beibringt, unseren Körpern zu misstrauen. Diet Culture hat uns gelehrt, dass wir Kalorien zählen, Portionen abmessen und externe Regeln befolgen müssen, anstatt auf unsere inneren Signale zu hören. Jahrelange Diäten, Verbotslisten und die ständige Botschaft „Du isst zu viel“ oder „Du bist nicht diszipliniert genug“ haben viele von uns von unserem natürlichen Hunger- und Sättigungsgefühl abgeschnitten.
Für viele FLINTA+ Menschen kommt noch eine weitere Ebene dazu. Manche von uns leben in Körpern, die permanent gesellschaftlich bewertet werden – wo Menstruation beschämt, Schwangerschaftsveränderungen pathologisiert oder natürliche Körperfunktionen tabuisiert werden. Andere leben in Körpern, die sich nicht authentisch anfühlen, die nicht dem entsprechen, wer sie wirklich sind. Wieder andere erleben eine Kombination aus beidem oder ganz andere Herausforderungen im Verhältnis zu ihrem Körper.
All diese Erfahrungen können dazu führen, dass die Verbindung zu den eigenen Körpersignalen unterbrochen wird. Das kann sich unterschiedlich zeigen: Manche spüren Hunger und Sättigung nicht mehr deutlich, andere haben Schwierigkeiten, zwischen emotionalen und körperlichen Bedürfnissen zu unterscheiden, und wieder andere fühlen sich generell von ihrem Körper abgeschnitten.
Aber hier ist das Wichtige: Es ist nicht eure Schuld, wenn ihr eure Körpersignale nicht mehr gut wahrnehmen könnt. Das ist kein persönliches Versagen, sondern das Ergebnis eines Systems, das davon profitiert, dass wir uns schlecht fühlen. Diet Culture ist ein Multi-Milliarden-Geschäft, das nur funktioniert, wenn wir glauben, dass wir „falsch“ sind, wie wir sind.
Die gute Nachricht? Wir können für uns und die Menschen um uns herum dagegen vorgehen. Als Community können wir anfangen, Diet Culture zu hinterfragen und uns gegenseitig dabei unterstützen, eine gesündere Beziehung zu unserem Körper und unserem Essen zu entwickeln. Das bedeutet:
Wir können aufhören, Essen zu moralisieren. Es gibt kein „gutes“ oder „schlechtes“ Essen – es gibt nur Essen, das uns nährt, und Essen, das uns Freude bereitet. Manchmal ist das dasselbe, manchmal nicht, und beides ist völlig okay.
Wir können respektvolle Sprache verwenden – über unsere eigenen Körper und die Körper anderer. Das schließt ein, Namen und Pronomen zu respektieren, keine unaufgeforderten Kommentare über Körper zu machen und anzuerkennen, dass jeder Mensch seine eigene einzigartige Beziehung zu seinem Körper hat.
Wir können Diät-Gespräche höflich aber bestimmt umlenken. „Ich rede nicht gerne über Diäten, aber erzähl mir lieber von…“ kann Wunder wirken.
Wir können anerkennen, dass der Weg zu einer intuitiven Ernährung für jeden Menschen anders aussieht und unterschiedlich lange dauert. Für manche bedeutet es, wieder Hunger und Sättigung zu spüren. Für andere geht es darum, Frieden mit dem Essen zu schließen. Und für wieder andere steht im Vordergrund, eine nährende Beziehung zu ihrem Körper aufzubauen, wie auch immer dieser Körper gerade ist oder sich entwickelt.
Der Weg zurück zu eurer Intuition ist oft ein langer, individueller Prozess. Es geht nicht darum, sofort perfekt auf euren Körper zu hören, sondern darum, kleine Schritte zu machen, die zu eurem Leben passen. Ohne Bewertung, ohne Druck.
Gemeinsam können wir ein Umfeld für unsere Community schaffen, in der alle Körper respektiert werden, in der Essen Nährung und Genuss bedeutet, und in der jede*r von uns lernen kann, sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen – ganz unabhängig davon, wie die persönliche Reise aussieht.
Mit viel Liebe und in Solidarität, Sam
